Der Fotograf & Psychologe

Ein gewagter Titel, nicht? Man kann sich an dieser Stelle fragen was Psychologie mit einem Foto zu tun hat. Diese Frage mag z.B. im Bezug auf Landschafts- oder Produktfotografie (zum Teil) auch berechtigt sein, wenn wir mal den Betrachter der Bilder aussen vor lassen.

In der Peoplefotografie sieht das hingegeben mal wieder völlig anders aus. Als Fotograf arbeitet man hier schliesslich mit Fleisch und Blut, sprich Menschen, die sich vor die Kamera stellen. Nun ist es die Aufgabe des Fotografen, diese Person (im Folgenden als Model bezeichnet) zu fotografieren. Hier spielen viele Faktoren eine Rolle, die entscheiden, ob am Schluss ein gutes oder langweiliges Bild entsteht. Da wäre z.B. die technische Komponente wie Schärfe, Bildrauschen, etc. oder auch die kreative Komponente, wie Bildschnitt oder Lichtsetzung. Viel wichtiger, und oftmals sträflich vernachlässig, ist aber die menschliche Komponente. Dabei ist es egal, ob man ein Portrait einer Sängerin fotografiert oder ein schickes Fashionbild. Auf beiden Fotos ist ein Model zu sehen und dieses Model transportiert Emotionen, Gefühle und Ausstrahlung vom reinen zweidimensionalen Bild zum dreidimensionalen Betrachter aus Fleisch und Blut.

In den folgenden Zeilen geht es darum, was bei meinen Workshops in den Bereich Fotografen-Coaching fällt. Nämlich die psychologische Komponente der Peoplefotografie. Diese fängt bereits beim ersten Kontakt  mit dem Model direkt vor dem Shooting an (behaltet im Hinterkopf, Model kann in diesem Fall ein Musiker, eine Privatperson, ein Agentur- oder Amateurmodel, etc. sein). Vermeidet es direkt mit dem Shooting loszulegen. Euer Model sollte erst einmal im Studio oder der Location ankommen. Ich setze mich direkt vor jedem Shooting immer mit dem Team & Model zusammen. In der Regel weiss zu diesem Zeitpunkt zwar jeder schon was geplant ist, trotzdem wird das Projekt ein letztes Mal kurz besprochen. Genau hier beginnt auch das Kennenlernen – die Schlüsselkomponente für ein erfolgreiches Shooting. Seid interessiert an eurem Model! Verpackt in Smalltalk kann man ruhig auch etwas persönlichere Fragen stellen (Hobbys, Lieblingsfarbe, etc.). Diese Infos sind für euch als Fotografen Gold wert. Denn ihr könnt sie während des Shootings mit einfliessen lassen um eine entspannte Stimmung am Set zu produzieren.

Falls euer Model professionell durch eine Visagistin gestylt wird, nutzt die Zeit um euer Set bereits vorzubereiten/aufzubauen. Nichts ist mühsamer für ein Model, wie wenn es erst eine Stunde bei der Visa sitzt und anschliessend eine weitere darauf warten muss, bis der Fotograf sein Set aufgebaut hat.

Ist nun alles bereit und ihr könnt loslegen mit dem Shooting, dann schafft zunächst einmal klare Verhältnisse. Bei mir heisst dies, ich erkläre meinem Model kurz wie ich Anweisungen für das Posing angebe und mache 1-2 Bilder für den letzten Lichttest. Diese kann man ruhig auch mal dem Model zeigen, so weiss auch dieses von Anfang an, wie die Bilder mal aussehen werden.

Nun kommen wir zur wichtigsten Stelle dieses Beitrages! Wie führe ich mein Model durch das Shooting? Zunächst einmal ist es verdammt wichtig, dass euer Model locker und entspannt vor der Kamera ist. Ein einfaches Mittel, um dies zu erreichen, ist die Richtungsangaben bei der Modelführung aus Sicht des Models anzugeben. Links heisst dann auch die linke Seite vom Model. Schliesslich muss man sich als Model schon auf genug andere Dinge konzentrieren (Körperspannung/Haltung, Gesichtsausdruck, Emotionen die Transportiert werden sollen, etc). Ein weiterer Punkt heisst Motivation. Die positive Motivation muss unbedingt gegenüber der Kritik überwiegen. Ein motivierter Mitarbeiter arbeitet schliesslich auch effizienter und produktiver als ein deprimierter Mitarbeiter. Ebenfalls ein wichtiger Punkt: bleibt während des kompletten Shootings kompetent und professionell. Macht ihr einen Fehler (vergessen den Auslöser auf die Kamera zu stecken, usw.), dann überspielt diesen so, dass Model und/oder Kunde es nicht mitbekommen. Sollte sich euer Model jemals fragen, ob ihr der Situation überhaupt gewachsen seid, habt ihr nämlich bereits verloren. Jegliche Motivation ist in diesem Moment dahin.

Während des Shootings müsst ihr also einen Mix finden aus klaren und präzisen Posingangaben, Motivation & Kritik und Smalltalk, ohne dabei den Fluss des Shootings zu unterbrechen.

Fassen wir also die wichtigsten Punkte zusammen:

  • Baut eine persönliche Beziehung zu eurem Model auf (dies ist quasi die Basis).
  • Gebt kurze und präzise Posingangaben (Richtungsangaben aus der Sicht des Models).
  • Motiviert euer Model durch Lob. Kritik darf es auch geben, sollte aber nicht überwiegen.
  • Gebt Auskunft was für einen Bildausschnitt ihr gerade fotografiert (z.B. Close-up Portrait oder Oberkörper).
  • Seid immer 100% Herr der Lage (zumindest aus Sicht des Models/Kunden) ;).
  • Smalltalk während des Shoots lockert die Situation auf und kann Teil der Modelführung sein.

Zum Schluss möchte ich noch etwas zum Thema Fluss sagen. Als Fotograf arbeitet ihr mit Licht. Mal ist es Blitzlicht, mal Available. Natürlich wollt ihr immer das alles 100% passt. Dafür richtet man ja auch alles feinsäuberlich ein und fotografiert vor dem Shooting ein paar Testbilder. Ist einmal alles eingerichtet, gibt es keinen Grund wieso ihr nach jedem Foto die Kamera senken müsst, um zu schauen wie das Bild aussieht. Damit zerstört ihr jeglichen Fluss und macht euer Model nur unnötig nervös! Dieses fängt sich dann nämlich an zu fragen, ob es etwas falsch macht. Fotografiert ruhig 10-20 Bilder in Serie und schaut euch diese anschliessend am Display an – ruhig auch zusammen mit dem Model. So könnt ihr direkt etwaige Posingkorrekturen für die nächste Bildserie besprechen.

Ihr seht also, Psychologie und/oder ein gutes Gespür für andere Menschen ist gerade in der Peoplefotografie enorm wichtig. Vor allem deswegen, weil der Kontakt mit eurem Model oftmals nur einmalig und auch eher kurzweilig ist. In dieser kurzen Zeitspanne müsst ihr eine positive Stimmung erzeugen und euch die Sympathie eures Models erarbeiten. Dies hat oftmals vielmehr mit Regie und Empathie für sein Gegenüber zu tun, als mit fotografischem Können. Achtet euch doch mal beim nächsten Shoot, wie ihr mit eurem Model umgeht/sprecht/es motiviert und hinterfragt euch, ob ihr euch selber an der Stelle des Models entspannen und relaxen könntet.

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